Wie wir lernen können, verwirrten Menschen mehr Herz zu zeigen

Frei erzählt nach einer wahren Begebenheit.
Erlebnisbericht: Agnes Schnitger, examinierte Krankenschwester, Dozentin an der VHS und Inhaberin von VivoMea. 

“Du traust Dich aber was!

Offen sein, staunen und gerne mal interessiert nachfragen. Lebt nicht eigentlich jeder Mensch mehr oder weniger in seiner eigenen Welt…?

Danke an unsere tollen Models! Der gut gekleidete Herr heißt Manuel Müller und ist Betreuungskraft bei VivoMea. Die Dame im Schlafanzug ist seine Kollegin Julia Bergen, unsere Stellvertretende PDL.

Vorfreude auf den Kinoabend

Es ist Samstag Abend und das örtliche Kino lockt mich mit einem Film über Pablo Picasso. Ich mache mich früh auf den Weg, möchte vor dem Film noch ein Glas Wein genießen. Mit der Eintrittskarte in der Tasche, setze ich mich in die Bar nebenan und bestelle einen Rosé. 

Mein Blick schweift durch die großen Fenster nach draußen. Die Menschen huschen vorbei, denn es ist kalt und windig. Frühlingswetter von der ungemütlichen Sorte. Plötzlich entdecke ich eine leicht torkelnde Gestalt.

Es ist ein Mann von schätzungsweise 50 Jahren. Er wirkt erschöpft, sein Gang unsicher.

Ich schaue genauer hin und traue meinen Augen kaum: der Mann trägt ein Krankenhaushemd…! Eines von der Sorte, die man vor Operationen übergezogen bekommt und die hinten offen sind. Dazu trägt er eine Bluejeans und Socken. Keine Schuhe, keine Jacke.

Ich denke sofort, dass der Mann aus dem nahe gelegenen Krankenhaus kommen muss. Er sieht verstört aus, scheint sich verlaufen zu haben. Und definitiv friert er.
Ohne länger zu überlegen springe ich auf, bitte im Vorbeilaufen eine Dame am Nachbartisch die Polizei zu rufen und haste nach draußen.

“Sie sehen aber müde aus…!”

Ich nähere mich dem Mann ohne Schuhe, schaue ihm besorgt ins Gesicht und sage: „Sie sehen aber müde aus!“
„Ja“, sagt er mit erschöpfter Stimme und sieht mich ebenfalls an. „Ich habe drei Tage nicht geschlafen. Ich will zu meiner Frau.“ Dann legt er eine Pause ein und scheint nachzudenken. „Wir wohnen in der Sutthauser Straße“, fügt er schließlich hinzu und sucht die Umgebung nach einem Orientierungspunkt ab.
Bevor er weitergehen kann, berühre ich ihn vorsichtig an der Schulter. „Da haben Sie aber einen weiten Weg vor sich. Wollen Sie sich vorher bei einer Tasse Tee etwas aufwärmen?“ Ich wende mich in Richtung Bar und sage mit sanfter Stimme zu ihm: „setzen Sie sich doch zu mir. Wir leisten uns etwas Gesellschaft.“

Nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens, begleitet mich der Mann ohne Schuhe langsamen Schrittes in das Lokal und setzt sich mit mir an den Tisch.

„Ist es schön bei Ihnen zu Hause?“, frage ich ihn interessiert. „Haben Sie eine nette Frau…?“
Der Mann entspannt sich und beginnt zu erzählen. Er spricht langsam und manchmal zusammenhanglos. Wenn er nicht weiter kommt, helfe ich ihm mit ein paar ergänzenden Worten. Ich bestätige ihn dort, wo ich es für richtig halte, hake nach, wenn er seine Erinnerung wieder findet und spende ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit. So, wie ich es nach dem mäeutischen Pflege- und Betreuungsmodell gelernt habe und im täglichen Umgang mit Demenzpatienten anwende.
Unsere Unterhaltung plätschert manchmal vor sich hin, manchmal stockt sie einige Augenblicke lang, doch ich höre ihm gerne zu.

Nach einer Weile sehe ich das Blaulicht eines Rettungswagens durch die Nacht zucken. Während das Fahrzeug näher kommt und schließlich vor der Bar anhält, legt sich ein beunruhigendes blaues Flackern über die Szenerie an unserem Tisch.

Zwei junge Rettungsassistenten springen aus dem Krankentransporter, gehen forschen Schrittes in die Bar und sehen suchend umher. Dann erblicken sie den Mann ohne Schuhe.

Umgehend kommen sie auf uns zu.

Ungeduldig statt empathisch

Nach einem kurzen Wortwechsel greifen Sie meinen Gesprächspartner links und rechts unter die Arme, zerren ihn vom Stuhl, bugsieren ihn aus dem Lokal und drängen ihn etwas unbeholfen in Richtung des Rettungswagens. Die anderen Bar-Besucher beobachten interessiert, was vor sich geht. Niemand sagt etwas. Auch ich finde keine Worte des Protestes wegen der unsensiblen Vorgehensweise der jungen – und möglicherweise in diesen Situationen unerfahrenen – Krankenwagenbesatzung.

Durch die Fenster kann ich von meinem Tisch aus beobachten, wie versucht wird, den Mann ohne Schuhe zum Mitfahren zu bewegen. Er windet sich und rudert mit den Armen. Er entzieht sich immer wieder den nach ihm greifenden Händen, dreht sich plötzlich weg und läuft auf unsicheren Beinen los. Die jungen Rettungsassistenten scheinen völlig überrumpelt zu sein. Ehe sie sich entscheiden können zu handeln, verschwindet der Mann ohne Schuhe in der Dunkelheit.

Perplex starre ich aus dem Fenster. Ich halte den Atem an, will aufspringen und hinaus laufen. Doch dann ergreift mich das Gefühl, zur Rettung der Situation nichts mehr beitragen zu können.

Ich schaue nachdenklich auf mein fast geleertes Glas Roséwein, während sich der Rettungswagen entfernt. Wie sehr ich es doch plötzlich bereue, den Mann nicht selbst hinaus begleitet zu haben! Doch hätten die jungen Sanitäter mich verstanden? Sie hatten sicherlich ihr bestes getan. Waren auf den Umgang mit orientierungslosen Personen vielleicht gar nicht explizit geschult worden.
Ich muss daran denken, wie leicht doch solche Situationen zu lösen wären, wenn Alle etwas mehr Geduld im Umgang mit verwirrten Menschen hätten. Wenn jeder wüsste, wie sehr in paar freundliche Worte und eine Portion Empathie weiter helfen würden.

Wie wir alle Herz zeigen können

Demenz zu haben oder verwirrt zu sein, ist kein Verbrechen. Gewaltanwendung wirkt absolut kontraproduktiv! Bitte, liebe Mitmenschen, versuchen Sie die Gefühle des Anderen zu erkennen und sprechen Sie ihn gezielt darauf an. „Sie sehen aber müde aus. Kommen Sie, ich spendiere Ihnen eine Tasse Tee“, ist manchmal alles, was es braucht, um das Eis zu brechen.

Text: Thekla Leinemann